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Ewiges Rätsel im Wüstensand

Geheimnis der Sphinx steht in den Sternen

Hamburg (dpa) - Im Wüstensand der altägyptischen Nekropole von Gizeh ruht vor den gigantischen Pyramiden über sechs Stockwerke hoch und länger als ein Straßenzug die Große Sphinx. Die Wissenschaft rätselt bis zum heutigen Tag über das Geheimnis ihrer Entstehung und Sinngebung.

Bei der Erforschung der ungelösten Probleme in der Ägyptologie spielt neuerdings die Vermutung eine Rolle, daß die monströse Statue nach astronomischen Gesichtspunkten ausgerichtet ist und das Datum ihrer Entstehung entgegen bisheriger Annahme von 2500 auf 10 500 v.Chr. zurückgenommen werden muß

Heimstätte der Pharaonen-Seelen

Bereits vor zwei Jahren hatte der in Ägypten aufgewachsene Wissenschaftler und Ingenieur, der Belgier Robert Bauval, den Nachthimmel über dem Niltal vor 4000 Jahren durch eine Computersimulation rekonstruiert. Dabei hatte er die Anlage der Pyramiden von Gizeh als Versuch einer Darstellung des Sternenhimmels und speziell des Sternbildes Orion erkannt. Anordnung und Größe der Bauwerke geben nach seiner Überzeugung die Himmelsregion um den Orion als die ewige Heimstätte der Seelen ägyptischer Könige wieder.

Wie aber paßt der große Monolith mit dem Körper eines Löwen und dem Kopf eines Menschen, die aus dem Kalkstein des Hochplateaus von Gizeh herausgehauene Große Sphinx, in dieses Bild? 71 Meter lang und 20 Meter hoch mit dem stets nach Osten gewandten Blick, verwittert, beschädigt und voller Risse, immer wieder vom Sand verweht, hat sie ihr Geheimnis über Jahrtausende bewahrt. Die Ägyptologen glauben, daß dieses Monument majestätischer Erhabenheit und Rätselhaftigkeit während jener Epoche der Geschichte entstand, die als das Alte Reich bezeichnet wird, und zwar auf Befehl des 2520 bis 2494 v.Chr. regierenden Pharaos Chephren. Manche Deutungen, die Sphinx trage deshalb auch die Gesichtszüge dieses Mannes, werden allerdings bezweifelt, ist doch der einbalsamierte Leichnam von Chephren mit dem erhaltenen Konterfei nie gefunden worden.

Himmlisches Gegenstück: das Löwensternbild

In seinem neuesten Buch "Der Schlüssel zur Sphinx" über die astronomische Deutung der Nekropole von Gizeh (List Verlag, 415 S, DM 44,--) vermuten Bauval und sein Koautor Graham Hancock, daß die Stätte insgesamt schon seit etwa 10500 v.Chr. besteht. Schon zu diesem Zeitpunkt, so weist eine Computersimulation des damaligen Sternenhimmels nach, waren die erst viel später im Niltal registrierten Spiegelbilder der drei großen Pyramiden im Oriongürtel astronomisch vorgegeben. Gerade im Augenblick des Frühlingsäquinoktiums (Tagundnachtgleiche), in dem die drei Sterne des Oriongürtels durch den Südmeridian gingen und das später in Gizeh erstellte Muster ergaben, blickte die Sphinx beim Sonnenaufgang nach Osten zu ihrem himmlischen Gegenstück im Löwensternbild, in dem die Ägypter seit ewigen Zeiten eine Gottheit mit Löwensymbolik verehrten.

Pyramiden und Sphinx scheinen als architektonische Verkörperung dieser einmaligen astronomischen Konjunktion zusammenzuwirken. Selbst der Gruppe der drei kleinen Nebenpyramiden - südlich der dritten und kleinsten der drei Großen - kommt in diesem Zusammenhang eine Bedeutung zu: Sie liegen nämlich genau hintereinander in exakt ostwestlicher Richtung und weisen auf den Sonnenaufgang am Tag des Äquinoktiums. Auf die Kreiselbewegung der Erdachse (Präzession) ist es zurückzuführen, daß die Sonne 2500 v.Chr. zum Zeitpunkt des Äquinoktiums ihren Stand im Schnittpunkt von Ekliptik und Himmelsäquator vor dem Sternbild des Stiers hatte und heute vor dem Bild der Fische erscheint.

Mindestens 12 000 Jahre alt?

Die astronomische Begründung für die früher anzunehmende Entstehungszeit der Großen Sphinx wird durch einen geologischen Befund an dem Monument gestützt. Die bis heute sichtbaren Spuren einer durch starke Niederschläge verursachten Verwitterung sprechen dafür, daß die Sphinx mindestens 12 000 Jahre alt ist. Schwere Regenfälle, mit denen sich die charakteristischen Erosionsmuster an der Sphinx erklären ließen, hat es in Ägypten bereits Jahrtausende vor der Zeit, in der nach gängiger Ansicht der Ägyptologen die Sphinx entstanden ist, nicht mehr gegeben.

Bauval hält es für möglich, daß der Grundriß der Pyramidenanlage von Gizeh bereits im Jahre 10500 v.Chr. - vielleicht schon in der Art niedriger Plattformen - physikalisch festgelegt oder aber als Plan von Generation zu Generation überliefert worden ist. Die Astroarchäologen stimmen zwar mit den Ägyptologen überein, daß der Bau der Pyramiden in die Zeit von 2500 v.Chr. fällt. Sie stehen jedoch auf dem Standpunkt, daß die Nekropole von Gizeh damals insgesamt schon sehr alt gewesen und alles andere als lediglich ein riesiger "Friedhof", sondern vielmehr ein aktives Betätigungsfeld der "Weisen" und "Alten" gewesen ist.

Geschichte der Sphinx ist längst noch nicht erzählt

Nun gibt es offenbar jedoch außer Mythen keine schriftlichen und sonstigen Anzeichen für das Vorhandensein einer bis 10 500 v.Chr. zurückreichenden hochentwickelten Zivilisation. Möglicherweise, so wird spekuliert, hat es aber Jahrtausende vor den Pharaonen in Heliopolis, der altägyptischen Stadt mit Sonnentempel bei Kairo, eine Art "unsichtbare Akademie" gegeben, welche die treibende Kraft hinter Schaffung und Entfaltung der alten ägyptischen Zivilisation war. Die ägyptische Hochkultur wäre dann auch nicht 3000 v.Chr. praktisch aus dem Stand erblüht.

Vielleicht sind alte Baumeister einem grandiosen Plan gefolgt und haben eine Möglichkeit gefunden, die nachfolgenden Generationen in ihre Mysterien einzuweihen, indem sie sich der universellen Sprache der Sterne bedienten und eine Botschaft an die Nachwelt sandten. Außerhalb der privilegierten Kreise der Ägyptologen, so lassen die Autoren in einer Aura von Spannung durchblicken, "herrscht heute vielfach die Erwartung, daß wir dort (in Gizeh) vor der Entdeckung eines bedeutenden Geheimnisses stehen", vielleicht sogar im engeren Bereich der Sphinx, deren Geschichte noch längst nicht erzählt ist. Rudolf Merget; Foto: dpa


Last edited: tk@rhein-zeitung.de 12.06.1998 06:34