Der Euro soll einen und spaltet doch

Pro und Contra neues Geld

Frankfurt/M (AP) Die Mehrheit der Bundesbürger will den Euro nicht. Auch knapp zwei Jahre vor dem geplanten Beginn der Währungsunion (WWU) überzeugt das Argument von Politikern und Konzernen, daß der Euro mehr Vor- als Nachteile habe, nur eine Minderheit. Die Deutschen befürchten, daß die Abschaffung der D-Mark nur Inflation, höhere Zinsen und noch mehr wirtschaftliche Probleme bringt. Mit einem der vielen Vorurteile ist leicht aufzuräumen:

Siehe auch:

  • Stichwort: Euro
  • Chronik: Vom Werner-Plan zum Euro
  • Der Euro kommt nicht als "Big Bang"
  • Sparer sollten kühlen Kopf bewahren
  • Stabil wie "Mark", unabhängig wie "Dollar"
  • Euro rollt an Arbeitsplätzen vorbei
  • Chirac: Dollar mit Euro bekämpfen
  • Major: Euro erst einmal ohne Briten
  • Eidgenossen: Bangen und Hoffen
  • Bundesbank wird Filiale Euro-Wächter
  • Euro-Spätzünder bestraft der Markt
  • Die für 1999 vorgesehene WWU ist keine Währungsreform. Es werden nur alle Geldwerte - Löhne, Erspartes, Renten, Sozialleistungen, Preise und Schulden - umgerechnet. Die Mark-Euro-Relation dürfte etwa 2:1 betragen, so daß jeder Betrag halbiert wird. Die Kaufkraft, also was man sich für sein Einkommen leisten kann, bleibt gleich. Zum Umgewöhnen ist Zeit, denn erst im Juli 2002 soll die Mark endgültig von Kontoauszügen, Lohnstreifen und aus dem Geldbeutel verschwinden.

    Soweit ist die Sache klar, alles weitere aber nicht. So schimpfen die Eurogegner, die Umstellung koste Verwaltung und Wirtschaft Milliarden. Die Befürworter sehen Sparmöglichkeiten von mehreren Milliarden im Jahr: Reist ein Deutscher künftig nach Frankreich oder Belgien, entfallen die Kosten für den Devisentausch; auch Geldüberweisungen in den WWU-Raum dürften billiger werden.

    Hauptvorteil für die Wirtschaft

    Der Hauptvorteil wird jedoch der Wirtschaft zugeschrieben. "Für viele Unternehmen wird es leichter, grenzüberschreitend tätig zu werden, weil Transaktionskosten wegfallen und die Wechselkursrisiken sich verringern", ist DIHT-Präsident Hans Peter Stihl sicher. Für ein exportabhängiges Land wie die Bundesrepublik, das zwei Drittel seiner Ausfuhren in andere EU-Länder verkauft, ist dies günstig. Wenn die WWU aber scheitert, wird wieder viel internationales Kapital in die D-Mark investiert werden. Ihre dann zwangsläufige Aufwertung schmälert die Absatzchancen deutscher Produkte im Ausland; dies bekam die deutsche Exportwirtschaft 1995 schmerzhaft zu spüren - mit "mörderischen Folgen" für die Arbeitsplätze, wie EWI-Präsident Alexandre de Lamfalussy betont.

    Mehr Chancen für den Mittelstand?

    Nach Auffassung der Skeptiker sind im Auslandsgeschäft jedoch meist Großkonzerne tätig, dem Mittelstand bringe der Euro nichts außer Kosten. Dem halten die Befürworter entgegen, daß gerade der Mittelstand oft nicht an das Auslandsgeschäft herangehe, weil er das Wechselkursrisiko scheue. So betonen etwa die Sparkassen mit ihrer stark mittelständischen Firmenkundschaft: Große Unternehmen sind längst über Ländergrenzen hinweg aktiv. Mit der WWU wird dies verstärkt auch für kleinere Firmen möglich.

    Globaler argumentiert Außenminister Klaus Kinkel. In der Weltmarktkonkurrenz mit den USA und Asien hätten die jetzigen europäischen "Dorfwährungen" keine Chance. Bayer-Chef Manfred Schneider pflichtet bei: "Wir brauchen ein starkes wirtschaftliches Europa in der Auseinandersetzung mit den USA ... und den fernöstlichen Ländern." Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer warnt allerdings, daß der Euro allein nicht über Europas Erfolg in der Weltwirtschaft entscheidet und keinesfalls strukturelle Reformen überflüssig macht.

    Vitamin oder Gift für die Konjunktur?

    Gefahr sehen die Eurogegner für die deutsche Staatskasse. Wenn Länder wie Spanien oder Italien es schaffen sollten, trotz Verfehlung der Konvergenzkriterien in die WWU zu kommen, könnten sie anschließend einen Finanzausgleich fordern. Deutschland würde dann noch mehr zum Zahlmeister. Nach Angaben des niedersächsischen Ministerpräsidenten und Euroskeptikers Gerhard Schröder zahlen die Westdeutschen schon jedes Jahr 200 Milliarden Mark an Ostdeutschland. "Da kann man nicht mehr draufsattlen."

    Diese Sorge ist unbegründet, sagen die Verfechter. Gerade die Konvergenzkriterien zwingen die Staaten zur Sanierung ihrer Finanzen. So plädiert zum Beispiel der hessische Ministerpräsident Hans Eichel dafür, die WWU nicht zu verschieben, um den "Druck im Kessel lassen, damit die EU-Staaten ihre Finanzen stabilisieren".

    Gegner: Sparkurs verhindert neue Arbeitsplätze

    Doch genau dieser Punkt bringt den Gegnern neue Munition. Nur um die Kriterien zu erfüllen, verfolge die Bonner Regierung einen so strengen Sparkurs, daß die zarte Konjunktur abgewürgt und die Schaffung neuer Arbeitsplätze verhindert werde. Vom "Totsparen" ist bereits die Rede. Der SPD-Vorsitzende Oskar Lafontaine warnt: "Die Währungsunion darf wegen des Zeitplans nicht zum Rezessionsprogramm werden." Die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ursula Engelen-Kefer setzt noch eins drauf: "Wenn die (Arbeitnehmer) erst einmal begreifen, daß sie massenhaft ... Arbeitslosigkeit hinnehmen müssen, bloß damit wir die Maastricht-Kriterien einhalten, dann wird der Euro in Mißkredit geraten."

    Auch im Risiko, daß der Euro nicht so hart wird wie die D-Mark, sehen die Gegner Gift für die Wirtschaft. Das Gegenargument: Für die Stabilität des Euro ist gesorgt, denn die EU-Staaten haben sich in dem Ende 1996 geschlossenen Stabilitätspakt verpflichtet, ihre Kassen dauerhaft in Ordnung zu halten. Nach einer Übergangsphase dürften sich deshalb die Zinsen im WWU-Gebiet dem niedrigen deutschen Niveau anpassen. Investitionen können dann billiger finanziert werden, was wiederum den Arbeitsmarkt belebt.

    Ein leidenschaftlicher Euroanhänger wie Bundeskanzler Helmut Kohl verliert sich erst gar nicht in solchen Detailfragen. Sein Argument: Wenn der Euro nicht kommt, stürzt die ganze europäische Friedensordnung in eine bedrohliche Krise. Fotos: AP


    Letzte Änderung: 08.04.1997 17:31 von aj